Es war einmal eine Königin. Die war so blass und bleich, dass jeder dachte.

"Wenn ich ihr Gesicht berühre, bricht es. Denn es ist bestimmt aus hauchdünnem Milchglas."

Und das konnte man wirklich meinen, denn das Gesicht der Königin war in einer nicht beschreibbaren Art so fein gezeichnet, dass es aussah, wie gerade eben hingetupft.

So traute sich niemand, sie jemals anzufassen und wenn es jemand doch tat- und sei es nur aus Versehen- so verfiel ihr kleiner Leibkobold jedes Mal einer Ohnmacht.

Dann ging die Königin zu ihm hin, tätschelte ihm die Wangen und sagte

"Wach auf, mein Wächterprinz. Nichts ist mir geschehen und nichts wird mir geschehen." Und dann stand der kleine Kobold auf, denn er wusste fürwahr, dass sich unter den Kleidern der Königin ein mutiger Löwe verbarg.

So lebte die Königin genügsam, aber auch etwas einsam in ihrem Glasschloss.

Tagsüber  strahlte ihr Alabastergesicht wie die Sonne. Aber nachts musste sie sich erholen, denn das Strahlen war sehr anstrengend und so fiel sie jedesmal in einen abgrundtiefen Schlaf.

Wie gerne hätte sie einmal ihr Glasschloss verlassen, und doch schaffte sie es nie weiter als bis zu der schweren Eisentür, die nach draußen führte. Dort musste sie immer wieder heimkehren in ihre Gemächer, ohne dass sie gewusst hätte warum.

Als sie eines sehr frühen Tages einmal wieder an der Eisentür stand, da hörte sie plötzlich aufgeregtes Klopfen von außen und sie getraute sich zu rufen "Wer da".

Aber niemand antwortete. Stattdessen wurde aus dem Klopfen ein Schlagen und Hämmern und schließlich ein Hacken und Stechen. Da erschrak die Königin und rannte, um ihren Wächterprinz zu wecken. Dieser zog eilendst die Zugbrücke zum Schloss hoch und brachte alle Kanonen in Stellung, aber es war zu spät. Schon erbebte der ganze Palast, als würde er von einem Orkan geschüttelt und davongetragen. Da lief die Königin in die Mitte ihres Regentensaales, stellte sich auf ihren Thron und brüllte so entsetzlich laut, dass ihre Haut in tausend Stücke zerbrach. Das Beben ertaubte und eine große Stille trat ein. Auch der kleine Kobold, der gerade dabei war, die Scherben aufzusammeln, erstarrte in seiner Bewegung und die Königin stand gekleidet wie ein Löwe reglos auf ihrem Thron. Kein Laut war vernehmbar für lange Weilen und das Schloss schien wie in einen Traum versunken.

Erst als die eben erwachte Morgensonne durch die Fenster des Regentensaales hereinschaute, wurde der kleine Kobold wieder lebendig und ihm fiel ein, dass er noch mindestens 1738 Splitter einsammeln musste. Aber wie erschrak er, als er zum Thron aufblickte. Dort schlief ein kleines Mädchen in der Haut eines Löwen.

"Frau Königin" rief der kleine Kobold vorsichtig. "Frau Königin. Wo ist euer Gesicht und wo ist eure Königskleidung"

Da schlug das Mädchen die Augen auf und sagte. "Mein Gesicht ist überall und meine Beine sind endlich frei. Danke, mein lieber Kobold, dass du so oft auf mich aufgepasst hast. Ich werde es nicht vergessen bis ans Ende meiner Tage."

Und dann ging sie durch die Eisentür, die sich lautlos vor ihr auftat, nach draußen und niemand konnte sie aufhalten.

Zeichnungen Mareike Meier