2. September 2016

Der Monat davor ist angebrochen. Ich ertrage gewisse Bücher nicht mehr und stecke doch immer wieder meine Nase rein. Andere Bücher interessieren mich nicht mehr. Am Stück lesen ist schon seit langem nur noch Wunsch. Kein Roman in Sicht, an dem ich kleben bleibe.

Der Nahe Osten wird sehr nah. Er rückt mir nachts zuleibe, in meinen Kopf, in meine Seele und verbreitet eine steigende körperliche Unruhe. Ich laufe viel umher, bleibe selten länger sitzen, gehe in den Garten, wundere mich über die wenigen Tomaten, laufe wieder zurück.

Wo soll das enden ? Noch mindestens fünf Wochen.

9. Oktober 2016

Wer hätte das gedacht. Der mit Bangen und Begeisterung erwartete Tag ist in die Dunkelheit abgetaucht und das schon im  Sammeltaxi von Tel Aviv nach Jerusalem. Die Landschaft eher ermüdend, vor allem die Bebauungen. Irgendwann fahren wir nur noch zwischen Mauern entlang.

Die Straße nach Jerusalem. Links und rechts: hochgezogene Mauern. Schon bei der Vorbereitung auf meine Jerusalemer Zeit hatte ich immer diese Mauer im Kopf. Wo steht sie überall? Wo muss ich drumherumgehen? Wo kann ich durch? Wo muss ich an einem Checkpoint warten?

Mich beschäftigt diese elende Mauer schon seit Wochen, bevor ich sie überhaupt selbst gesehen habe.

Die Leute im Sammeltaxi scheinen sie gar nicht zu beachten. Ich finde es beklemmend ! Sie macht was mit dem Kopf. Man versucht sofort herauszufinden, wie man wohl im Zweifelsfalle von A nach B kommt und kann es sich rein optisch nicht vorstellen, weil der Blick immer an einer Mauer hängen bleibt.

In Jerusalem einfahrend merke ich, dass ich schon normale Bauzäune als Mauer empfinde.

Mein Eindruck: ich werde mich hier heillos verlaufen.

Natürlich bin ich die letzte, die rausgelassen wird. Alle werden bis vors Hotel gebracht, nur ich nicht. Dormitio?  Wo ist das? Too much traffic. Kenne ich nicht. Kopfschütteln.

Ich erwähne die Sehenswürdigkeiten in der Nähe. Davids Grab. Zionsberg. Kopfschütteln. Der Stadtplan beweist: das Jaffa Tor muss reichen. Und von da sind's ja nur fünf Minuten durch die Altstadt. Herrjeh. Direkt am Anfang schon durch die Altstadt. Aber was soll's. Hinein ins Gewühl.

Wie aus dem Nichts heftet sich ein frommer Jude an meine Fersen. Flink wie ein Wiesel. Dormitio. Zionsberg. Ich zeige es Ihnen. Er ist meist 50, 100 Meter vor mir. Ich halte immer wieder mein Tagesgepäck hoch, damit er mich noch sieht. Er weiß, dass ich ihm folgen werde, denn ich habe keine Ahnung, wo ich bin. Straßennamen? Fremdwörter. Touristengruppen. Fremdenführer.Treppen hoch. Treppen runter. Dann wieder hoch. Plötzlich stehen wir an Davids Grab. Er zeigt mir den Felsendom von hier oben. Die Altstadt. Ich bedanke mich höflich und sage, dass ich jetzt gerne zum Kloster möchte. Wissen Sie, die haben eigentlich schon zu! Er versteht auf einmal, dass ich da wohnen werde, dass ich gar nicht herumgeführt werden möchte und führt mich etwas traurig zu einem Tor, das sich genau in diesem Moment öffnet.

Ein junger Benediktiner lächelt mir entgegen und bittet mich herein.

Ich wurde erwartet.