Baba, Opa!

Es war gut, sich deinem Bett langsam zu nähern.

Die Zimmerecke am ersten Tag deines Sterbens.

Das Wasser, das mir still aus den Augen läuft. Kein Reden ist möglich.

Das Bett, in dem du liegst, am zweiten Tag deines Sterbens.

Vorsichtiges Hinsetzen.

Das Herabbeugen auf deine Brust. Das Hören deines noch schlagenden Herzens,

um es mir auf immer zu merken.

Deine Stimme, die ich sagen höre

"Alles wird gut".

Meine Stimme, die ich sagen höre

"Du warst ein guter Opa".

Dein Fuß, der aus dem Bett herausbaumelt und niemand steckt ihn unter die Decke.

Wie gut.

Das Verbleiben an diesem Bett am letzten Tag deines Sterbens.

Sehen, was tot sein heißt. Was Hülle meint. Wie Seele sich anfühlt.

Baba, Opa!

Manchmal wünsche ich, ich könnte dich nochmal sterben lassen, weil Abschiednehmen so schwer ist und weil du es mich gelehrt hast.

Baba, Papa!

Du hast dir den gleichen Jahrestag für dein Sterben ausgesucht wie der Opa.

Einen kalten, klaren Wintertag mit eisblauem Himmel.

Und ich dachte damals, mein Papa wäre gestorben....

Aber Papasterben fühlt sich anders an.

Ein tiefer Strom, der hörbar verebbt und den man jahrzehntelang nie hat rauschen hören.

Jetzt hört man ihn.

Nicht Meer Rauschen.

Deine Augenbrauen konnte ich streicheln.

Das Koma erlaubt so etwas.

Das Leben oft nicht.

Du klarer Mensch mit dem treuen Herzen.

Jahre später streichelst du mir über die Stirn.

Ich weiß es. Lichtmenschen machen so etwas.

Erdmenschen eher selten.

Baba, Papa!

Danke, dass du deinen Weg gegangen bist und nicht den anderer Leute.

Du bist ein guter Lehrmeister.

O-mama.

In die Wiege gelegte Ungeduld bis zuletzt.

Aber wie soll man Sterben auch üben.

Man tut es nur einmal. Tatsächlich.

"Wie ein Baum, den man fällt....."

So oft wolltest du hoch aus den Kissen.

Eine lange, letzte, rastlose Nacht.

Drei Pflegeengel, die zufällig Dienst hatten.

Ihre Namen. Ansprechbar. Anteilnehmend. Anwesend.

Zwei Töchter an deinem Bett.

Der Fortgang der einen am frühen Morgen vor deinem letzten Atemzug.

Das Nochbleiben der anderen, die ein Wiegenlied in dein ersterbendes Ohr singt.

"Von guten Mächten wunderbar geborgen...."

Baba Mama. Baba.

Auch für Ungeduldige in der Nacht bricht er schließlich an.

Der Morgen.

Bruder,

Dein Tod zuletzt, obwohl er der erste war.

Bleibendes bis ans Ende meiner Tage.

Ein Fimriss an einem Montagabend.

Plötzliches, alleiniges Sterben für dich auf der Straße.

Heimkommen für mich und eine mir fremde Frau in der Haustür.

Nichtverstehen eines entscheidenden Satzes.

Eine Frage. Was heißt tödlich?

Sofortiges Riechen an deiner Kleidung im Schrank.

Es gibt kein Tot sein. Du bist ja noch in meiner Nase.

Die Beerdigung. Viele Menschen. Kein Weinen. Verletzter Stolz.

Mein Bruder ist einfach gegangen ohne sich zu verabschieden.

Die Jahre danach. Kein Gram. Keine Trauer. Kaum Tränen.

Jahrzehnte danach.

Eine unfassbare Erfahrung von Gegenwart im Reich der Trance.

Du bist zurückgekehrt. Als Botschafter.

Nachholen von Gesten. Ich entzünde Kerzen für dich.

Nichts geht verloren.

Kein Tod. Kein Bruder. Keine Träne.

Die Tiefen der Erde treiben eine Ewigkeit später nicht erzählbare Botanik ans Licht.

Die Nahtstelle zwischen Leben und Sterben ist alltäglich,

aber meistens kehren wir das Hemd nicht auf links.

Deshalb sehen wir sie nicht. Nur, wenn das Hemd reißt.

Kaum vorstellbar. Ein Leben mit Rissen.

Die Auswahl an Stoffen ist reichlich.

Weben im textilfreien Raum.

Die Kunst zu fallen und die Nadel loszulassen.

Nichts geht verloren.

Auch kein noch so kleiner Faden auf dieser Erde.